
Bevor die Bagger kommen - Agilis Weg ins neue Zuhause
Artenschutz geht vor: Im Juni wurden entlang der S11 neue Ersatzhabitate für geschützte Zauneidechsen fertiggestellt. Die Maßnahmen sind ein wichtiger Vorbereitungsschritt für den geplanten Ausbau der Strecke zwischen Köln und Bergisch Gladbach.
Erst das neue Zuhause, dann der Ausbau – Wie Ersatzhabitate die Eidechsen im Thielenbruch schützen
Für diesen Text betrachten wir eine Zauneidechse (Lacerta agilis) einmal etwas genauer. Nennen wir sie Agili. Zwischen Kies, sonnigen Steinen und dichtem Gras fühlt sich Agili echsenwohl. Die kleine Zauneidechse lebt schon lange dicht an der Bahnstrecke zwischen Köln und Bergisch Gladbach. Hier findet sie Wärme, Verstecke und Nahrung. Doch in den kommenden Jahren wird sich ihre Nachbarschaft verändern: Die S11 soll ausgebaut werden. Bevor dafür gebaut werden kann, bekommt Agili jedoch zuerst ein neues Zuhause.
Naturschutz: Der erste Schritt vor dem Ausbau
Wenn die Deutsche Bahn eine Strecke ausbaut, müssen und sollen Tiere und Pflanzen geschützt werden. Das ist gesetzlich vorgeschrieben. Besonders geschützte Arten, darunter auch die Zauneidechse, dürfen durch Bauarbeiten nicht beeinträchtigt werden.
Deshalb werden bereits Jahre vor dem eigentlichen Baubeginn sogenannte Ersatzhabitate geschaffen: neue Lebensräume, die den Tieren einen sicheren Umzug ermöglichen.
Ein neues Zuhause für die Zauneidechsen

Was Menschen als Bahnanlage wahrnehmen, ist für Agili vor allem eines: ein Lebensraum. Zwischen sonnigen Böschungen und Steinen, lockerem Boden und dichtem Bewuchs findet die kleine Zauneidechse hier alles, was sie zum Leben braucht.
Wenn die Strecke für den Ausbau verändert wird, könnten solche Lebensräume zeitweise verloren gehen. Damit die Population geschützt bleibt, werden frühzeitig neue Flächen angelegt. Dort finden die Tiere ähnliche Bedingungen wie in ihrem bisherigen Zuhause – oft sogar mit besseren Strukturen wie Steinhaufen Sandflächen, Totholz oder heimischen Pflanzen.
Die neuen Flächen bieten ausreichend sonnige Bereiche, in denen sich die Eidechsen aufwärmen können. Zwischen Steinen, Totholz und dichter Vegetation entstehen geschützte Rückzugsorte. Lockerer Boden ermöglicht den Weibchen die Eiablage. Gleichzeitig sorgen ein vielfältiges Nahrungsangebot und ausreichend Deckung dafür, dass die Tiere dort dauerhaft leben können.
Wenn Artenschutz zur Teamarbeit wird
Hinter einem Ersatzhabitat steckt viel mehr als ein paar aufgeschichtete Steine. Biolog:innen, Umweltplaner:innen und Naturschutzexpert:innen untersuchen zunächst, welche Tier- und Pflanzenarten im Projektgebiet vorkommen und welche Ansprüche sie an ihren Lebensraum haben.
Dabei geht es nicht nur um Agili und ihre Artgenossen. Im Naturschutzgebiet Thielenbruch leben weitere geschützte Arten. Dazu gehören beispielsweise die Bauchige Windelschnecke und die Helmazurjungfer, eine streng geschützte Libellenart. Beide reagieren empfindlich auf Veränderungen ihres Lebensraums. Das gesamte Gebiet gilt als ökologisch besonders wertvoll und beherbergt zahlreiche seltene Tier- und Pflanzenarten.

Anschließend werden geeignete Flächen ausgewählt und vorbereitet. Erst wenn sichergestellt ist, dass die Tiere dauerhaft ausweichen können, dürfen weitere Schritte Richtung Bauvorbereitung erfolgen. Gerade im Bereich des Naturschutzgebiets Thielenbruch wird dabei besonders sorgfältig geplant und eng mit Fachbehörden sowie Naturschutzverbänden abgestimmt.
Ein Tag bei Agili
Während die Menschen Pläne zeichnen, Gutachten erstellen und Flächen vorbereiten, verbringt Agili ihren Tag wie gewohnt in der Sonne. Für sie geht es nicht um Infrastrukturprojekte, Genehmigungsverfahren oder Bauabläufe. Für sie geht es darum, morgens einen warmen Stein zu finden und rechtzeitig im Gebüsch zu verschwinden.
Genau deshalb werden Ersatzhabitate geschaffen: Damit die kleinen Bewohner des Bahnkorridors auch in Zukunft einen sicheren Lebensraum haben, selbst wenn sich ihre Umgebung verändert.
Der Weg zur neuen S11
Parallel zu den Naturschutzmaßnahmen laufen die Planungen für eines der wichtigsten Infrastrukturprojekte im Kölner Raum. Die S11 soll zwischen Köln und Bergisch Gladbach deutlich leistungsfähiger werden. Geplant sind unter anderem der zweigleisige Ausbau zwischen Köln-Dellbrück und Bergisch Gladbach, zusätzliche Bahnsteige an den Bahnhöfen in Köln und Bergisch Gladbach sowie der barrierefreie Ausbau der Stationen entlang der Strecke. Ziel ist es, künftig deutlich mehr S-Bahnen fahren zu lassen und die Verbindung für Fahrgäste attraktiver und zuverlässiger zu machen.
Besonders anspruchsvoll ist dabei der Abschnitt durch das Naturschutzgebiet Thielenbruch. Hier müssen die Anforderungen moderner Infrastruktur mit den Anforderungen des Arten- und Naturschutzes in Einklang gebracht werden.
Nach dem Umzug beginnt die Vorbereitung

Wenn Agili und ihre Artgenossen erfolgreich in ihr neues Zuhause umgezogen sind, können weitere Vorbereitungen für den Ausbau der S11 folgen. Dazu gehören beispielsweise Baugrunduntersuchungen. Mit Bohrungen und Bodenproben analysieren Fachleute den Untergrund entlang der Strecke. Die Ergebnisse helfen dabei, Gleise, Oberleitungsmasten, Lärmschutzwände und weitere Bauwerke sicher zu planen.
Im Anschluss folgen die eigentlichen Baumaßnahmen für den Ausbau der Strecke. Ziel ist es, künftig deutlich mehr S-Bahnen zwischen Köln und Bergisch Gladbach fahren zu lassen und das Angebot für Fahrgäste weiter zu verbessern.
Ankommen im neuen Revier
Als die ersten Vorbereitungen für den Ausbau beginnen, hat Agili ihr neues Zuhause längst entdeckt. Zwischen Steinen, Wildpflanzen und geschützten Rückzugsorten hat sie ihr neues Revier schnell angenommen. Damit sie nicht wieder zurück in ihr bisheriges Revier krabbelt, hat dieses zwischenzeitlich einen Eidechsenzaun bekommen.
Für die Fahrgäste bedeutet der Ausbau der S11 mehr Mobilität. Für Agili bedeutet er einen sicheren Neuanfang. Und genau so soll moderner Infrastrukturausbau funktionieren: Raum für Fortschritt schaffen – ohne die Natur aus dem Blick zu verlieren.

